Blick zurück auf 25 Jahre VATM – heute braucht es einen Paradigmenwechsel

Die rasante Entwicklung in der Mobilfunkbranche beflügelte nach der Liberalisierung des Festnetzes vor 25 Jahren täglich neue Start-ups, die an der Aufbruchstimmung teilhaben wollten. Jedoch hatte nicht jeder Neustarter einen wirkungsvollen Zugang zur Telekom und dem Regulierer. Dieser musste überzeugt werden, um die Telekom zu bewegen, faire Zugangsbedingungen zum Monopolnetz wettbewerbsfähig zu gestalten. Das war effektiv nur durch Bündelung der Interessen in einem gemeinsamen Verband der Wettbewerber möglich: Der VATM war geboren. Die Durchsetzung der Interessen der Mitglieder war für den VATM ein zähes, zeitaufwendiges Ringen – bis zum heutigen Tag.

 

Die grundsätzliche und harmonische Interessengleichheit im Präsidium wurde hier und da bis aufs Äußerste strapaziert, insbesondere, als die Asymmetrie der Interconnectiongebühren transparent wurde – zwischen hochpreisigen Anrufen vom Festnetz zum Mobilfunk und zu sehr preiswerten Anrufen vom Mobilfunk ins Festnetz. Darüber hinaus gestand der Regulierer E-Plus und O2 als Späteinsteiger und zur Kompensation der Frequenznachteile höhere Interconnectiongebühren zu als den D-Netz-Betreibern. Sollte das Festnetz den Mobilfunk subventionieren? Die Situation eskalierte, als E-Plus Mobilfunk-Telefonate innerhalb netzinterner Benutzergruppen kostenlos anbot und so zum Wettbewerb zwischen Fest- und Mobilnetzen aufrief. Heute ist dies eine Normalität im Rahmen der Flatrate, wie auch die Nummernportabilität zwischen den Mobilfunknetzen.

 

Der größte Dämpfer für weiteren Wettbewerb war – gegen das massive Votum des VATM – die Einführung des Frequenzversteigerungsverfahrens im Jahr 2000, bei dem sechs Bieter 50 Mrd. Euro als quasi „Vorabsteuer“ auf die UMTS-Frequenzen zahlten. Diese lastet noch heute auf den Unternehmen und führte zu Investitionsrestriktionen. Die finanziellen Herausforderungen verschärften sich, als sich die von den damaligen Herstellern definierte suboptimale und unerprobte UMTS-Technologie durch eine geringe Frequenzeffizienz auszeichnete und zu spät an den Markt kam. Endgeräte waren in ausreichender Stückzahl erst sieben Jahre nach der Frequenzvergabe verfügbar. Dies veranlasste die Betreiber 2005, zusammen mit der von Deutschland initiierten weltweiten Allianz „Next-Generation-Mobile-Network“, die nächste  Mobilfunkgeneration LTE selber zu spezifizieren, die später auch 5G definierte.

 

 

25 Jahre nach der Liberalisierung und 30 Jahre nach dem Start des digitalen Mobilfunks ist es allerhöchste Zeit, unsere geübte Denk-, Vorgehens- und Sichtweise zu ändern, denn erstklassige TK-Dienste sind Bestandteil der Daseinsvorsorge. Diese sind recht lückenhaft im Mobilfunk und inakzeptabel im Breitband (Glasfaser) und schwächen das industrielle Wachstum und unseren Standort gegenüber den USA und China. Es braucht einen Paradigmenwechsel, um eine weltweite TK-Top-Positionierung zu schaffen durch:

  • Ein flächendeckendes Mobilfunkangebot durch eine bedarfsgerechte Frequenzvergabe
  • – ohne Versteigerung und Entzug von Investitionskapital – an fach- und realisierungskompetente Betreiber gegen Nutzungsgebühr (z. B. 1 % Segmentumsatz/a).
  • Keine Doppelinvestitionen im Glasfaserausbau, bevor eine Fläche komplett erschlossen ist. Faires National Roaming in allen Mobil- und Festnetzen.
  • Start eines europäischen TK-Projektes „Innovative Zukunftstechnologie“ (Open-Source-Nachfolge) als weltweiter Vorreiter, ähnlich dem Siegeszug von GSM in 1985.
Dr.-Ing. Horst Lennertz

Zehn Jahre, von 1999 bis 2009, wirkte Dr. Horst Lennertz im Präsidium des VATM als Mobil- und Funknetzbetreiber mit und gestaltete die Entwicklung der Branche wesentlich. Lennertz gehört zu den Entrepreneuren des Mobilfunks in Deutschland und ist Mitgründer der E-Plus Mobilfunk GmbH, die von KPN Mobile im Jahr 2000 erworben wurde und deren CTO er für Deutschland, die Niederlande und Belgien war. Heute gehört E-Plus zu Telefónica Deutschland. Seit 10 Jahren betreut Dr. Lennertz u.a. das Unternehmen 450connect als Senior Advisor.